Die Ursprünge von Pet & Puppy Play

Human Pup is being photographed.

Schlussfolgerung

Wir sind ständig von einer ununterbrochenen, tiefgreifenden, allgegenwärtigen, allumfassenden Kontrolle der äußeren und inneren Natur umgeben. Wir verinnerlichen die Doxa der Kontrolle über die Natur in unserem Unterbewusstsein, so dass wir auch uns selbst und das „Tier in uns“ konsequent und tiefgreifend kontrollieren. Auch wenn dieser Druck in der Regel völlig unbewusst wirkt, ist er immer noch da. Und er liegt wie ein bedrückender Schatten auf uns. Welche Befreiung, welches Heil könnte es bringen, sich für einen Augenblick davon zu befreien? Um sich endlich ganz fallen zu lassen? All das herauszulassen, was wir kontrollieren und unterdrücken, es einmal hemmungslos buchstäblich zu veräußerlichen?

So könnte der Anti-Habitus, also der Fetisch, geboren werden. Der Druck der verinnerlichten Doxa muss losgelassen werden. Die Doxa schafft zum einen den Habitus der Kontrolle von Natur und Tieren. Auf der anderen Seite braucht sie aber auch eine ablenkende Gegenseite aufgrund der daraus resultierenden Spannungen: den Anti-Habitus. Diese Rolle übernimmt der Fetisch. Der Anti-Habitus (d.h. sich in die Lage des Tieres zu versetzen) ist das Gegenteil des Habitus (d.h. die Kontrolle über das „innere“ Tier). Das Gegenteil (Anti-Habitus) von dem zu tun, was wir zu tun gelernt haben (Habitus), könnte uns also erregen. Jeder Versuch, den Anti-Habitus zu unterdrücken, könnte zum Scheitern prädestiniert sein. Jeder Versuch, einen Fetisch zu unterdrücken, könnte nicht nur scheitern, sondern das Verlangen sogar noch verstärken.

Graphic showing the formation of habitus and anti-habitus (puppy play) over the internalization of the doxa.

Es bleibt dabei unerheblich, ob der Mensch-Tier-Dualismus und die Idee eines Tieres im Menschen einer wissenschaftlichen Realität entspricht oder ob es sich um ein soziales Konstrukt handelt. Das soziologische Thomas-Theorem besagt, dass jede menschliche Handlung reale Konsequenzen hat, egal wie unwirklich die Definition der Situation war, die zu den entsprechenden Handlungen führte: „Wenn Menschen Situationen als real definieren, sind sie in ihren Konsequenzen real.“17

Wenn Menschen Situationen als real definieren, sind sie in ihren Konsequenzen real.

William Isaac Thomas

Das Tier in uns, all diese Dualismen sind nicht real. Sie sind soziale Konstrukte. Aber weil sie von den Menschen als real empfunden werden, ist die Folge der inneren Spannungen real. Genauso wie die Fetische, die aus ihnen entstehen können.

Die Gesellschaft selbst könnte also den Fetisch „unbeabsichtigt“ als „Nebenprodukt“ der Sozialisation schaffen. Sie könnte ihn schaffen, indem sie versucht, ihn zu unterdrücken. Je mehr sie versucht, ihn zu unterdrücken, desto stärker könnte das Verlangen nach ihm werden. Je mehr wir dieses Tier in uns kontrollieren sollen, desto erregender könnte es sein, in die Rolle des Tieres zu schlüpfen.

Könnte das Kind, das ich mit einem bellenden Pet Player lachend beobachtet hatte, als Erwachsener einen Pet Play Fetisch entwickeln? Wer weiß… Aber eines ist sicher: Dieses Kind wird mit Sicherheit auch den Glauben verinnerlichen, dass der Mensch das Gegenteil von einem Tier ist und dass er immer alles in seinem Inneren kontrollieren sollte, was ihn vom Gegenteil überzeugen könnte.



Jeff Mannes
Jeff Mannes

Ich bin Sozialwissenschaftler, Referent, Tour Guide und freiberuflicher Autor und lebe in Berlin, Deutschland. Ich habe Soziologie und Geschlechterforschung an den Universitäten Trier, Göttingen und Berlin studiert und meine Schwerpunkte auf menschliche Sexualität, Queer Theories, Postcolonial Studies und Mensch-Tier-Beziehungen gelegt.

Footnotes

  1. Vgl. Langdridge, Darren; Lawson, Jamie (2019): The Psychology of Puppy Play – A Phenomenological Investigation, Archives of Sexual Behavior (2019) 48, 2201–2215, https://doi.org/10.1007/s10508-019-01476-1
  2. Vgl. idem, 2208
  3. Vgl. Bourdieu, Pierre (2014): Die feinen Unterschiede – Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, 24. Aufl., Frankfurt am Main.
  4. Vgl. Bourdieu, Pierre (2015): Entwurf einer Theorie der Praxis, 4. Aufl., Frankfurt am Main.
  5. Vgl. Münch, Richard (2004): Gesellschaftstheorie (= Soziologische Theorie Band 3), Frankfurt am Main, S. 422.
  6. Vgl. Bourdieu, Pierre (2015): Entwurf einer Theorie der Praxis, 4. Aufl., Frankfurt am Main, S. 200.
  7. Vgl. Buschka, Sonja; Rouamba, Jasmine (2013): Hirnloser Affe? Blöder Hund? – ‚Geist‘ als sozial konstruiertes Unterscheidungsmerkmal, S. 25, in: Buschka, Sonja; Pfau-Effinger, Birgit (Hrsg.): Gesellschaft und Tiere – Soziologische Analysen zu einem ambivalenten Verhältnis, Wiesbaden, S. 23-56.
  8. Vgl. Mütherich, Birgit (2015): Die soziale Konstruktion des Anderen – Zur soziologischen Frage nach dem Tier, S. 50, in: Brucker, Renate et al. (Hrsg.): Das Mensch-Tier-Verhältnis – Eine sozialwissenschaftliche Einführung, Wiesbaden, S. 49-78.
  9. Vgl. Mütherich, Birgit (2003): Das Fremde und das Eigene – Gesellschaftspolitische Aspekte der Mensch-Tier-Beziehung, S. 18, in: Brenner, Andreas (Hrsg.): Tiere beschreiben, Erlangen, S.16-42.
  10. Vgl. idem, S. 17.
  11. Vgl. Buschka, Sonja; Rouamba, Jasmine (2013): Hirnloser Affe? Blöder Hund? – ‚Geist‘ als sozial konstruiertes Unterscheidungsmerkmal, S. 25, in: Buschka, Sonja; Pfau-Effinger, Birgit (Hrsg.): Gesellschaft und Tiere – Soziologische Analysen zu einem ambivalenten Verhältnis, Wiesbaden, S. 23-56.
  12. Vgl. Berger, Peter L.; Luckmann, Thomas (2003): Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit – Eine Theorie der Wissenssoziologie, 19. Aufl., Frankfurt am Main.
  13. Vgl. Sebastian, Marcel; Gutjahr, Julia (2013): Das Mensch-Tier-Verhältnis in der kritischen Theorie der Frankfurter Schule, S. 102f, in: Buschka, Sonja; Pfau-Effinger, Birgit (Hrsg.): Gesellschaft und Tiere – Soziologische Analysen zu einem ambivalenten Verhältnis, Wiesbaden, S. 97-119.
  14. Vgl. Horkheimer, Max (1991): Die Revolte der Natur, S. 106, in: Horkheimer, Max: Gesammelte Schriften Band 6: ‚Zur Kritik der instrumentellen Vernunft‘ und ‚Notizen 1949-1969‘, Frankfurt am Main, S. 105-135
  15. Vgl. Horkheimer, Max; Adorno, Theodor W. (2004): Dialektik der Aufklärung – Philosophische Fragmente, Frankfurt am Main, S. 262.
  16. Vgl. Sebastian, Marcel; Gutjahr, Julia (2013): Das Mensch-Tier-Verhältnis in der kritischen Theorie der Frankfurter Schule, S. 105, in: Buschka, Sonja; Pfau-Effinger, Birgit (Hrsg.): Gesellschaft und Tiere – Soziologische Analysen zu einem ambivalenten Verhältnis, Wiesbaden, S. 97-119.
  17. Thomas, William Isaac (1928): The Methodology of Behavior Study, in: Knopf, Alfred: The Child in America – Behavior Problems and Programs, New York, S. 553–576.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: